Body-neutrality Body-positivity
Nähkästchen

Von Body Positivity zu Body Neutrality: Wie mir Nähen geholfen hat, meinen Körper nicht mehr als Problemzone zu betrachten

Diejenigen von euch, die mir auf Instagram folgen haben es schon mitbekommen – ich beschäftige mich gerade mit dem Thema Bikini nähen. Davon abgesehen, dass es eine Herausforderung ist, einen möglichst nachhaltigen Bikini zu nähen, der auch eine höhere Cupgröße und ein paar Bewegungen mitmacht, hat mich das Thema in den letzten Wochen auch in anderer Hinsicht beschäftigt. Es geht um Body Positivity und Body Neutrality (oder auch Körperaktzeptanz). Und bevor ihr jetzt sagt, dass das hier doch ein Nähblog ist: Es geht auch darum, wie mir letztere hilft, nachhaltiger zu nähen.

Großwerden in den 90ern und der Besuch am See

Body-Neutrality Body-Positivity

Ich bin ein Kind der 80er, meine Pubertät habe ich mitten in den 90ern verbracht. Der Heroinlook war in, Models wohl pauschal untergewichtig und in den Teenie-Zeitschriften ging es darum, wie man makellose Haut bekommt und wie man Problemzonen kaschiert. Kurzum, ich habe früh verinnerlicht, dass es eine bestimmte Norm gibt, der ich als Frau körperlich entsprechen müsste. Eine Kleidergröße, die ich haben soll und vor allem eine, über die ich bloß nicht hinauswachsen darf. Dass Körper divers sind und sich in verschiedenen Lebensabschnitten ändern, kam nicht vor. Das zeigte Wirkung: Obwohl ich die meisten zeit Größe 38 trug fand ich mich grundsätzlich zu „dick“, meine Beine zu kurz, meine Zähne zu schief und einiges mehr. Und nur, damit das nicht falsch verstanden wird: Ich möchte hier kein tragisches Bild zeichnen, in dem ich zeitlebens unter diesem Verständnis gelitten habe. Es war eher ein Bewusstsein, dass permanent im Hintergrund lief. Aber es sorgte dafür, dass ich bestimmte Kleidung nicht trug und mich mit meinen Freundinnen am See unwohl fühlte anstatt die Sonne zu genießen. Seien wir mal ehrlich, heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Hätte ich damals schon gewusst, was zwei Schwangerschaften und der ganz normale Zahn der Zeit mit meinem Körper machen, ich hätte mich wahrscheinlich in einen Minirock geschmissen solange ich noch konnte ;-). Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass ich nicht die Einzige bin, der das bekannt vorkommt. Und wenn es mir schon so geht, obwohl ich doch relativ durchschnittlich aussehe, wie sehr betrifft das dann wohl Menschen, die körperlich eingeschränkt sind oder tatsächlich eine Größe jenseits der Norm tragen?

Alle sind body positive – nur ich nicht?

Als vor einigen Jahren die Body Positivity Bewegung aufkam, fand ich das erst mal ganz toll. Every body is beautiful? Klar, unterschreibe ich sofort! Aber den eigenen Körper, also alles daran, schön zu finden war gar nicht so einfach, erst recht nicht von heute auf morgen. Als ich in jüngeren Jahren mal einer Freundin gestand, dass ich mich im Bikini nicht wohl fühlte, sagte sie etwas wie „wir sehen alle aus, wie wir aussehen“. Das war natürlich richtig und gut gemeint, aber was passierte war, dass ich mich nicht besser, sondern schlechter fühlte. Weil zu dem Gefühl, nicht schön genug zu sein auch noch das schlechte Gewissen kam, sich mit solchen Oberflächlichkeiten aufzuhalten. Jetzt fühlte ich mich nicht nur unzulänglich, sondern auch noch oberflächlich und unfeministisch. Dass solche Ratschläge oft von Menschen kommen, die es locker in eine Frauenzeitschrift schaffen würden, macht es nicht gerade einfacher. Der Schuss ging also leider nach hinten los. So haben die Begründer*innen der Body Positivity das garantiert nicht gemeint. Und bestimmt auch nicht so, dass sich sehr schlanke Frauen ein Speckröllchen zurecht drücken und das dann unter dem Hashtag Body Positivity veröffentlichen – obwohl auch die ein Recht darauf haben, nicht mit allem an sich zufrieden zu sein. Aber auch da frage ich mich wieder, wie muss das für Menschen sein, die wirklich nicht in die gängigen Schönheitsideale passen? Wenn ich schon Probleme mit einer Größe 42 und Schwangerschaftsstreifen habe – was sollen dann andere sagen?

Der Körper steht immer noch im Mittelpunkt

Körperakzeptanz-und-nähen

Vielleicht ist ja das Grundproblem, dass es bei der Body Positivity immer noch um Schönheit geht, der Körper also immer noch im Vordergrund steht. Was ursprünglich mal empowernd sein sollte, ist zu einem für viele schwer erreichbaren Ziel geworden – was schade ist, denn schließlich ist es nicht so, dass es ohne Body Positivity besser war. Aber vielleicht könnte sie eine Weiterentwicklung vertragen.

Letztes Jahr bin ich über ein Interview mit Anuschka Rees gestolpert, in dem sie anstatt von Body Positivity von Body Neutrality spricht. Auch den Begriff Körperaktzaptanz hört man immer öfter. Dabei geht es nicht so sehr darum, alles an sich lieben zu lernen, sondern eher darum, dass unser Aussehen nicht unser Selbstwertgefühl beeinflussen sollte. Damit lässt sich was anfangen, finde ich. Es muss vielleicht nicht darum gehen, meine Schwangerschaftsstreifen innig zu lieben, sondern einfach nur darum, trotzdem einen Bikini anzuziehen wenn mir danach ist. Und mich nicht schlecht zu fühlen, wenn mir mal nicht danach ist, denn dafür gibt es Highwaist Bikinihosen oder Badeanzüge. Ganz platt gesagt: Ich nehme mir das Recht heraus, mich unattraktiv zu fühlen wann immer es gerade so ist. Aber es steht in diesem Momenten nicht mehr im Vordergrund und hält mich nicht davon ab, Momente zu genießen. Erstaunlicherweise klappt diese Scheißegal-Einstellung ziemlich gut. Für mich ist es einfacher, die vermeintlichen Problemzonen nicht zu beachten, als sie gleich lieben zu lernen. Das heißt noch lange nicht, dass ich sie komplett so hinnehmen muss, wenn sie mich stören – aber sie hindern mich nicht mehr daran, mich wohlzufühlen. Das ging nicht von heute auf morgen, aber es gab ein paar Schlüsselmomente, die es sehr beschleunigt haben. Meine eigene Kleidung nähen zu können und an meiner Capsule Wardrobe zu arbeiten, hat mir dabei zum Beispiel sehr geholfen.

Was hat Body Neutrality mit nachhaltigem Nähen zu tun?

Soweit so gut, aber was hat das alles mit Nähen zu tun? Da gibt es für mich zwei Aspekte: Der erste ist, wie ihr euch vielleicht schon denken könnt, die Stilsicherheit. Damit meine ich nicht einen perfekt abgerundeten Kleidungsstil, sondern einfach ein gutes Gefühl dafür, was man gerne trägt. Denn es ist leichter, den eigenen Stil zu finden, wenn es nicht mehr darum geht, ob wir etwas tragen können, sondern was wir tragen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir unsere Kleidung länger als eine Saison tragen wird größer, je mehr wir bei unserem eigenen Stil angekommen sind. Für mich persönlich hat es sehr viel verändert, endlich die Sachen zu tragen, die ich wirklich toll finde und mich nicht mehr hinter möglichst unauffälligen Jeans und T-Shirts zu verstecken. Ein Bisschen finde ich mich dabei in diesem Artikel von Vintagemädchen wieder, in dem sie sehr schön beschreibt, wie sich ihr Selbstbewusstsein durch ihren eigenen Stil verändert hat. Ob der eigene Stil oder das Selbstbewusstsein ihn zu tragen dabei zuerst da sind ist wahrscheinlich wie die Frage von Ei und Huhn. Für mich persönlich war zuerst die Kleidung da. Ich war vorher nicht schüchtern, aber es hat mein Auftreten doch ziemlich verändert mir Kleidung nähen zu können, die meine Persönlichkeit nach außen hin widerspiegelt.

Body-Neutrality-und-nähen

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, für den Körperakzeptanz beim Nähen sorgen kann. Nämlich Ehrlichkeit, was die eigenen Maße angeht. Als ich mit dem Nähen anfing, hatte ich noch keine Ahnung von Längen- oder Weitenanpassungen oder FBAs. Es fiel mir auch gar nicht auf, dass ich relativ schlecht sitzende Kleidung nähte, denn meine Kaufkleidung saß ja auch nicht anders. Dass Nähen eine Möglichkeit ist, Kleidung genau für den eigenen Körper zu nähen, kam mir erst mal gar nicht in den Sinn. Kein Wunder, schließlich war mir von Zeitschriften, Fernsehen und Werbeplakaten immer das Gegenteil vermittelt worden – ich musste mich passend für die Kleidung machen, nicht umgekehrt. Es hat Jahre gedauert, bis ich angefangen habe, mich richtig auszumessen und einfach realistisch und ohne Wertung auf meinen Körper zu blicken.

Leicht fällt mir das auch heute noch nicht immer. Beim Ausmessen für meinen Bikini musste ich feststellen, dass ich am oberen Ende meiner Gewichtsskala angekommen bin (mein Gewicht schwankt immer wieder um ungefähr 10 Kg). Von meinem letzten Kaufbikini habe ich mich um ein paar Größen entfernt und ich gebe zu, dass ich darüber nicht gerade vor Freude ausgeflippt bin. Früher hätte ich folgendes gemacht:

1. Stur dabei zu bleiben, dass das nicht meine Größe ist und mir einen zu kleinen Bikini nähen.

2. Mir fest vornehmen, mich in diese Größe innerhalb von zwei Wochen wieder rein zu hungern

3. Nach drei Wochen beides frustriert aufgeben

Ich übertreibe natürlich etwas, aber ihr versteht was ich meine, oder? Es ist zwar ziemlich wahrscheinlich, dass ich irgendwann wieder eine kleinere Größe brauche, wie gesagt schwankt mein Gewicht immer wieder mal. Aber ich will diesen Bikini jetzt anziehen. Also nähe ich ihn in meiner Größe, welche auch immer das ist. Vor allem aber fahre ich an den See ohne darüber nachzudenken wie weiß meine Haut oder wie weich mein Bindegewebe ist. Schön finde ich es deshalb noch lange nicht, aber es gibt wirklich wichtigeres auf der Welt, findet ihr nicht?

Mehr zum Thema?

In diesem Artikel habe ich versucht, euch meine persönlichen Erfahrungen mit Body Positivity und Body Neutrality / Körperaktzeptanz wieder zu geben – ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder den heiligen Gral. Für die, die mehr darüber lesen oder hören möchten, habe ich deshalb hier noch ein paar Empfehlungen:

  • Das Buch „Beyond Beautiful“ von Anuschka Rees. Es ist eigentlich ein Arbeitsbuch, liest sich aber relativ schnell runter, wenn man die Aufgaben weg lässt. Sie erklärt darin sehr schön, wie uns gängige Schönheitsideale beeinflussen und wie wir uns davon lösen können.
  • Das Buch „Untenrum Frei“ von Margarete Stokowski ist etwas theoretischer. Es geht darin vor allem um Geschlechtergerechtigkeit und die Wahrnehmung weiblicher Körper.
  • Die Staffeln 2 und 3 des „Passt“ Podcast von Crafteln beschäftigen sich damit, wie wir unsere Körper neu wahrnehmen können und wie Kleidung zu einem neuen Körpergefühl verhelfen kann.

Hat dir dieser Beitrag gefallen? Dann sag es weiter:

4 Comments

  • Sabrina

    Ich kann mich deinen Ausführungen nur anschließen. Als Teenies haben wir gelernt, dass wir vermeintlich nicht dünn, glatt, hübsch genug sind. Und jetzt als erwachsene Frauen müssen wir lernen, dass wir gut sind so wie wir sind. Unsre Maße sind nur Hilfsmittel für gut passende Schnitte 🙂

    Grüße

    • Inga

      Liebe Sabrina,
      danke dir. Das mit den Maßen hast du schön formuliert und je länger ich nähe, desto mehr komme ich eben zu dieser objektiveren Sichtweise…
      Liebe Grüße
      Inga

  • Susann

    Liebe Inga,

    vielen Dank für diesen tollen und sehr wichtigen Beitrag! Ich unterschreibe den sofort. Ich habe mich im letzten Jahr sehr viel damit beschäftigt, wieviel mein Körper mir „wert“ ist und bin zu dem Schluss gekommen: Er bedeutet mir alles!

    Ganz liebe Grüße,

    Suse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.