Fashion Revolution Week 2021
Nähkästchen

Sew sustainable? Teil 1: Gedanken zur Fashion Revolution Week 2021

Warum auch die Nähwelt eine Fashion Revolution braucht

Heute startet die Fashion Revolution Week 2021 und Menschen weltweit fordern Veränderungen in der Modeindustrie. Trauriger Anlass dafür ist alljährlich der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza vor 8 Jahren, bei dem über 1100 Menschen ums Leben kamen. Damals ging ein Aufschrei um die Welt, viele Menschen wollten die Bedingungen zu denen ihre Kleidung produziert wird, nicht mehr hinnehmen. Allerdings hat sich seitdem die Situation nicht wesentlich verbessert – im Gegenteil.

Während einerseits das Bewusstsein für die Probleme in der Textilproduktion wächst, schossen auf der anderen Seite bis zum Beginn der Pandemie Läden für billige Kleidung wie Pilze aus dem Boden. Die Straßenbahnen hier in Köln waren nachmittags voll mit Menschen, die so viele Einkaufstaschen dabei hatten, als müssten sie sich für ein ganzes Jahr neu mit Kleidung eindecken. Übrigens kaufen die Deutschen im Schnitt ca. 60 neue Kleidungsstücke im Jahr (Quelle: Greenpeace) – kein Wunder, wenn von Modeketten wie Zara und H&M jeden Monat zwei neue Kollektionen rausgehauen werden. Gleichzeitig werden aber über 2 Milliarden Kleidungstücke in deutschen Kleiderschränken selten bis nie getragen (Quelle: Greenpeace) – auf dem Müll landen hierzulande dafür jährlich 4,7 Kilo Textilien pro Person bzw. gut 391 Tonnen insgesamt (Quelle: Labfresh) . Neben den ökologischen Auswirkungen bringt das vor allem Ausbeutung für die Menschen mit sich, die diese Kleidung produzieren. Denn der reale Wert von Kleidung bemisst sich an den Rohstoffen und der Arbeitszeit, die dafür aufgewendet werden müssen und wäre in den meisten Fällen wesentlich höher als der, den wir im Laden zahlen. Wenn wir diesen Preis nicht selbst bezahlen, dann nehmen wir dadurch in Kauf, dass ihn jemand anderes für uns bezahlt – und das sind die Menschen, die unsere Textilien herstellen.

I made my clothes – Ist selber Nähen die Lösung?

Fashion Revolution Week

Unter Hobbynäher*innen begegnet mir oft die Annahme, dass das Problem mit der Nachhaltigkeit gelöst ist, sobald wir unsere Kleidung selbst nähen. Viele fangen inzwischen sogar genau deshalb mit dem Nähen von Kleidung an, weil sie die Fast Fashion Industrie nicht mehr unterstützen wollen. Damit ist auf jeden Fall ein guter Anfang gemacht. Das Statement „I made my clothes“ war bis zum letzten Jahr ein wichtiger Teil der Fashion Revolution. Allerdings wurde er nicht umsonst in diesem Jahr von der Frage „Who made my fabric?“ abgelöst. Denn in den letzten Jahren haben zwar einige Unternehmen öffentlich gemacht, wo ihre Kleidung genäht wird, aber der Weg bis zur Näherei fand bisher nicht viel Beachtung. Bevor ein Stoff jedoch zugeschnitten und vernäht werden kann, fallen eine Menge Verarbeitungsschritte an. Ob für Kaufkleidung oder für Meterware macht da leider keinen Unterschied. Wir übernehmen lediglich die letzten beiden Schritte der Produktionskette selbst, das sogenannte Konfektionieren. Dabei trägt die Art, wie unsere Meterware produziert wird, einen entscheidenden Teil dazu bei, wie nachhaltig unsere selbstgenähte Kleidung ist – sowohl was die Umwelt, als auch was die Arbeitsbedingungen angeht. So arbeiten zum Beispiel tausende von Menschen in schlecht ausgestatteten Spinnereien und Webereien, leisten Arbeitstage von 12 oder mehr Stunden und erhalten dafür einen Lohn, der kaum zum Leben reicht (Quelle: AWO). Gekaufte Kleidung durch selbstgenähte zu ersetzen bewegt also nur dann etwas, wenn wir darauf achten, woraus wir sie nähen, verantwortungsvoll mit Materialien umgehen und sie möglichst lange tragen.

Who made my fabric? – und was wir uns sonst noch fragen sollten

Fashion Revolution Week 2021

Davon abgesehen, dass es einfach ein tolles Gefühl ist, die eigene Kleidung (oder Teile davon) zu nähen, liegt im selber Nähen für mich auch unglaublich viel Potential, was Nachhaltigkeit angeht. Denn immerhin können wir genau die Kleidung, die uns gefällt, aus verantwortungsvoll produzierten Stoffen herstellen. Und wer einmal selbst ein T-Shirt genäht hat, weiß immerhin, dass darin Arbeit steckt. Es fällt automatisch leichter, die Kleidung wertzuschätzen, die wir mit unseren eigenen Händen geschaffen haben. Trotzdem frustriert es mich zum Beispiel,wenn ich lese, dass absichtlich billige Stoffe gekauft werden, nur um sie für Probeteile zu verwenden, die dann vielleicht nie getragen werden. Oder wenn haufenweise schnelle Basics genäht werden, die dann vielleicht doch hinten in den Schränken versauern. Oder wenn Stoffreste achtlos weggeworfen, Jeans beim ersten Riss in Putzlappen verwandelt werden. Natürlich ist mir klar, dass die wenigsten komplett achtlos mit dem Thema umgehen. Ich meine auch gar nicht, dass niemand mehr Basics oder Probeteile nähen soll – beides kann sogar gut und sinnvoll sein. Aber um der Fast Fashion Industrie wirklich etwas entgegenzusetzen, dürfen wir eben nicht den Fehler machen, selber Fast Fashion zu nähen. Stattdessen sollten wir gezielter nähen, was wir brauchen, unseren Materialien und unserer fertigen Kleidung wieder mehr Wertschätzung entgegen bringen, sie hegen, pflegen und erhalten (hier auf dem Blog beschäftige ich mich genau deshalb auch mit den Themen Refashion und Reparaturen).

Und jetzt?

Was also können wir tun, worauf können wir achten, wenn wir es anders machen wollen? Dafür habe ich mit ganz unterschiedlichen Menschen gesprochen, um aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Thema zu schauen. Ich glaube nämlich weder, dass wir es alle gleich machen müssen, noch dass alle eine 180 Grad Wende machen müssen. Es gibt so viele Ansätze für nachhaltiges Nähen, dass sich im Grunde jede*r das für sich passende raussuchen kann. Denn klar ist, dass sich etwas ändern muss und wir alle unseren Teil dazu beitragen können. In den nächsten Tagen möchte ich deshalb ein paar Ideen und Perspektiven aufzeigen, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit (der wäre bei so einem komplexen Thema tatsächlich auch etwas absurd).

Danke schon an dieser Stelle an das Team von Lebenskleidung, Meike Rensch-Bergner (Crafteln), Jasmin Mittag (Minimalismus JETZT!) und Lotta Köhler (Stoffetauschen), dafür dass sie meine vielen Fragen beantwortet haben. Ich fand es unglaublich bereichernd, ihre Ideen und Erfahrungen zu diesem Thema kennen zu lernen und hoffe sehr, dass in den nächsten Tagen möglichst viele Leute hier mitlesen, damit ich etwas davon weitergeben kann. Deshalb würde ich mich natürlich freuen, wenn ihr diesen Artikel und meine Posts dazu teilt und mir euer Feedback da lasst. Lasst uns in Austausch kommen – nur so können wir voneinander lernen und es am Ende immer besser machen.

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