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Die Hose rockt II: Wie man einen Formbund konstruiert

Kennt ihr das, dass Hosen am Bund hinten abstehen, wenn ihr euch hinsetzt? Das liegt daran, dass sie keinen Formbund haben, sondern oben einfach gerade geschnitten sind. In meinem letzten Beitrag über die Culotte mit den Kellerfalten habe ich euch ja schon angekündigt, dass ich euch zeige, wie ihr einen Formbund konstruieren könnt. Ich habe das selbst zum ersten Mal gemacht und bin von dem Sitz richtig begeistert.

Ein Formbund löst nämlich genau dieses Problem, weil er oben schmaler geschnitten ist. So eignet er sich perfekt für Hosen, die in der Taille abschließen. Aber auch anders geschnittene Hosen dürften mit einem Formbund besser sitzen. Nachdem ich mich da nun endlich mal ran gewagt habe, werde ich wahrscheinlich keine Hose mehr ohne Formbund nähen. Dass es mehr Arbeit ist, will ich gar nicht unterschlagen. Aber es lohnt sich wirklich. Ich bin ja eine Verfechterin des Slow Sewing und finde sowieso, dass wir uns beim nähen mehr Zeit nehmen sollten. Egal, ob für die Schnitt- und Stoffauswahl oder für Schnittanpassungen – wir haben schließlich das Glück, dass wir unsere Kleidung selbst nähen können. Wieso sollten wir dann also Kleidung nähen, die man in jeder großen Modekette finden kann? Ich meine damit nicht, dass wir alle nur noch nach total ausgefallenen Schnittmustern nähen sollten. Wer gerne schlichte Sachen trägt, sollte das auf jeden Fall auch beim selber nähen umsetzen. Aber was die Qualität und den Sitz unserer selbstgenähten Kleidung angeht, können wir mit etwas mehr Zeit und Geduld riesige Unterschiede machen.

Formbund naehen Culotte
Selten habe ich so viel Arbeit in eine Hose gesteckt. Aber ich war auch selten so zufrieden…

Wie also mache ich aus einem gewöhnlichen Bund einen Formbund?

Bei vielen Schnittmustern sind die Bundteile nur lange schmale Rechtecke und deshalb häufig auch gar nicht als eigenes Schnitteil aufgezeichnet. Stattdessen sind dann die Maße angegeben, die ihr zuschneiden müsst. Im Fall meiner Culotte war das auch so und ich habe das Schnitteil auch zunächst aus Seidenpapier genau so zugeschnitten. Halt! Nicht ganz genau so, denn ich habe vorher die tatsächliche Länge meines Bundes an der genähten Hose gemessen. Die stimmte nicht exakt mit den angegebenen Maßen überein (fragt mich bitte nicht, warum, ich habe wirklich sooo genau gearbeitet, dachte ich). Wenn ihr also auf Nummer sicher gehen wollt, dass euer Bund auf den Millimeter genau passt, könnt ihr das auch so machen.

Als nächstes müsst ihr rausfinden, wie viel schmaler der Formbund oben sein soll. Das macht ihr, indem ihr mit einem Maßband an der Stelle euren Umfang messt, an dem die Hose später oben enden soll (also z.B. Hüft-, Bauch-, oder Taillenumfang). Das Maß, das dabei rauskommt, zieht ihr von der vorher gemessenen Bundweite ab. Die Differenz ist das Maß, um das der Formbund schmaler werden soll. Bei mir waren das 9cm. Je nachdem, wie ihr gebaut seid und wie eure Hose oder euer Rock sitzen soll, können das natürlich auch weniger oder mehr Zentimeter sein.

Als nächstes gilt es dann, dieses Maß wegzunehmen. Das funktioniert im Grunde wie bei Abnähern – mit dem Vorteil, dass man die beim Formbund schon im Papierschnitt zulegen kann. Damit der Formbund eine schön gleichmäßige Rundung hat, ist es wichtig, die Länge an mehreren Stellen wegzunehmen und nicht nur z.B. an den Seiten. Dafür zeichnet ihr zunächst an folgenden Stellen kleine Markierungen an:

  • je 1cm neben der vorderen Mitte (Achtung bei Reißverschlüssen mit Untertritt: in dem Fall wird die Markierung 1 cm neben den Untertritt gemacht, denn das ist die eigentliche Mitte)
  • auf halber Strecke zwischen Seitennähten und vorderer Mitte
  • auf Höhe der Seitennähte
  • auf halber Strecke zwischen Seitennähten und hinterer Mitte
  • genau auf der hinteren Mitte

Damit habt ihr 9 Markierungen, auf die ihr nun eure zu kürzende Länge verteilen müsst. In meinem Beispiel waren das wie gesagt genau 9 cm, ich hatte es also ziemlich einfach. Natürlich könnt ihr euch überlegen, auf- oder abzurunden, wenn sich die Weite nicht Millimetergenau verteilen lässt. Alternativ könntet ihr die Millimeter, die ihr nicht verteilt bekommt, auch auf die hintere Mitte legen. Die Werte, die ihr an den jeweiligen Stellen wegnehmen müsst, zeichnet ihr jetzt neben der Markierung an und schneidet dann den Papierschnitt von der Markierung aus im rechten Winkel bis kurz vor dem Ende ein (aber nicht durchschneiden!). Dann schiebt ihr das Papier an der eingeschnittenen Stelle so übereinander, dass die Markierungen übereinander liegen. Wenn ihr das an allen Stellen gemacht habt, sieht euer Bund ungefähr so aus, wie auf dem Foto.

Formbund konstruieren
Der Papierschnitt wird an mehreren Stellen eingeschnitten und übereinander geschoben.

Perfektionist*innen können jetzt noch ein neues Schnitteil aus Papier aufzeichnen und die Ecken dabei abrunden. Mir hat es gereicht, das beim Übertragen auf den Stoff zu machen. Vergesst beim Anzeichnen nicht, euch Markierungen für die Seitennähte, hintere Mitte und evt. auch vordere Mitte und Untertritt zu machen und eine Nahtzugabe zuzuschneiden. Ob ihr euren Formbund als ganzes zuscheidet oder als zwei Teile, die an der hinteren Mitte zusammengenäht werden, macht keinen großen Unterschied. Ihr habt aber, falls ihr euch unsicher seid, bei einem geteilten Bund eher die Möglichkeit, die Weite im Nachhinein noch an der hinteren Mitte anzupassen. Ich habe mich aus dem Grund für einen geteilten Bund entschieden.

Damit alles sitzt wie es soll: Vlieseinlage zur Verstärkung des Formbunds

Eurer Schnitteil (bzw. Schnitteile beim geteilten Bund) könnt ihr nun gegengleich einmal aus Oberstoff und einmal aus Futterstoff zuschneiden (ich habe für beides den blauen Baumwollstoff genommen, aber das ist Geschmackssache). Je nachdem, wie dehnbar oder dünn euer Stoff ist, solltet ihr euch außerdem überlegen, eine Vlieseinlage als Verstärkung einzunähen. Der Baumwollstoff meiner Culotte hat sich schon bei der Anprobe relativ stark gedehnt, weshalb ich die Einlage sogar doppelt genommen habe. Am praktischsten ist dafür eine Vlieseinlage, die man auf den Ober- und wenn nötig auch auf den Futterstoff aufbügeln oder einnähen kann. Prinzipiell ist eine Vlieseinlage aus reiner Baumwolle bestimmt nachhaltiger als eine zum aufbügeln, da sie ohne Kleber auskommt. Ich habe allerdings noch eine Restrolle Bügeleinlage, die meine liebe Schwiegermutter mal aus ihrem Keller gekramt hat (danke dafür, es ist doch immer gut, wenn man Leute kennt, die so etwas noch da haben) und bis ich die aufgebraucht habe, wird es noch einige Jahre dauern. Diese Einlage ist zwar beschichtet, aber so alt, dass sie trotzdem nicht mehr richtig klebt und ich sie einnähen musste. Wenn ihr keine spezielle Vlieseinlage da habt, genügt es also wahrscheinlich auch, einen festen Webstoff mit einzunähen – getestet habe ich das aber nicht. Eure zugeschnittenen Teile sollten jetzt ungefähr so aussehen wie auf dem Bild unten. Falls ihr den Bund hinten geteilt habt, näht ihr die Einlage direkt beim Zusammennähen mit fest.

Formbund naehen
Innenteil- und Außenteil mit aufgesteckter Vlieseinlage.

Formbund annähen

Um euren Formbund anzunähen gibt es zwei Möglichkeiten. Der Anfang ist für beide gleich:

  • Steckt zunächst das äußere Bundteil rechts auf rechts an eure Hose und orientiert euch dabei an euren Markierungen für Seitennähte, hintere Mitte, etc.. Falls ihr wie in meinem Fall Falten oder Abnäher an eurer Hose bzw. eurem Rock habt, achtet auf jeden Fall darauf, diese schon beim Stecken in die richtige Richtung zu legen.
  • Das festgesteckte Teil wird nun angenäht.
  • Legt den Formbund nach oben und bügelt die Nahtzugabe nach oben in den Bund
Formbund naehen
Das äußere Bundteil wird rechts auf rechts auf die Hose gesteckt und festgenäht.

Als nächstes müsst ihr euch entscheiden, wie ihr weiter vorgehen möchtet. In der ersten Variante, die ich erkläre, wird das Bundinnenteil am Ende an der Hose festgenäht. Die zweite Variante finde ich eleganter, aber auch etwas aufwändiger. An der Funktion ändert sich durch die Varianten nicht, es ist also eine rein ästhetische Entscheidung.

Variante 1: Bund mit eingeschlagener Nahtzugabe

Für einen Bund mit eingeschlagender Nahtzugabe geht ihr wie folgt vor:

1. Steckt das innere Bundteil rechts auf rechts auf das äußere Teil und markiert euch mit einer Stecknadel die Stelle, an der die Bundnaht sitzt.Steppt die Naht ab und achtet darauf, dass sie exakt an der Stelle endet, die ihr eben markiert habt

2. Es ist ratsam, die Ecken vorne am Verschluss etwas abzurunden, sonst stehen sie später oft etwas ab. Lasst euch von dem Bild nicht irritieren, ich habe den Formbund aus versehen zuerst aufeinander genäht und dann an die Hose (keine gute Idee, warum erkläre ich unten).

Formbund naehen
Die Ecken werden abgerundet.

3. Schneidet die Nahtzugabe rundherum etwas zurück. Schneidet außerdem vorne kleine Ecken raus, falls ihr die abgerundete Version genäht habt. Falls nicht, schneidet aber trotzdem die Nahtzugabe diagonal zur Ecke ab (nicht die Naht verletzten!)

Formbund naehen
Die Nahtzugabe wird eingeschnitten, damit nach dem Wenden keine
unschönen Knubbel entstehen.

4. Nun legt ihr das festgenähte Teil nach innen und schiebt arbeitet dabei die Kanten gut aus. Das geht ganz gut mit einer Schere oder einem Lineal.

5. Die untere Nahtzugabe liegt jetzt noch offen. Schlagt diese nach innen ein und bügelt sie fest. Bei der Gelegenheit könnt ihr auch schon den kompletten Bund bügeln, damit gleich wirklich alles so festgenäht wird, wie es später liegen soll.

6. Steckt den Bund von innen mit der umgeschlagenen Nahtzugabe so fest, dass die Kante genau auf der Naht liegt.

7. Jetzt wird der Bund unten festgenäht. Mit der Maschine näht ihr auf jeden Fall besser von außen und zwar knapp über der Bundnaht. Wenn ihr keine sichtbare Naht außen haben wollt, könnt ihr euren Formbund innen auch von Hand annähen.

Variante 2: Bund mit eingefasster Nahtkante

Diese Variante fand ich immer sehr schön, hatte mich aber bisher noch nie daran getraut. Vorweg, so schwer ist es nicht. Ihr solltet aber vielleicht schon mal mit Nahtband oder Schrägband gearbeitet haben. Für diese Variante schneidet ihr das innere Bundteil unten ohne Nahtzugabe zu. Statt die Nahtzugabe einzuschlagen und festzunähen, wird die offene Kante mit Nahtband oder Schrägband eingefasst (wie man Schrägband annäht, könnt ihr hier nachlesen). Es ist wichtig, dass ihr das macht BEVOR ihr das innere Bundteil annäht, denn sonst bekommt ihr an den Enden Probleme, euer Nahtband festzunähen.

Formbund nähen
Hinterher ist man immer schlauer. Das Nahtband hätte ich besser vorher angenäht…

Wenn das Nahtband bzw. Schrägband angenäht ist, geht ihr weiter vor wie ich oben in den Schritten 1 – 5 beschrieben habe. Zum Abschluss bügelt ihr euren Bund, damit er schön flach ist und ihr seid fertig. Auf den Bildern könnt ihr übrigens sehen, dass ich zuerst die Bundteile aufeinander genäht habe, anstatt das äußere Teil einzeln an die Hose zu nähen. Das kann ich euch aber nicht empfehlen, die Methode, die ich oben beschrieben habe, ist definitiv einfacher und ihr lauft weniger Gefahr, Stoff mit festzunähen der nicht angenäht werden soll – wie ihr auf dem Foto sehen könnt, habe ist mir das nämlich passiert.

Formbund-konstruieren
Das kommt davon, wenn man in der falschen Reihenfolge näht.

Wie gesagt, ich habe das selbst zum ersten Mal gemacht, aber es müssen ja nicht alle denselben Fehler nochmal machen. Mir passiert es jedenfalls hoffentlich kein zweites Mal. Ansonsten hat sich die Mehrarbeit definitiv gelohnt, finde ich. Die Hose sitzt einfach super, rutscht nicht und der Bund gibt ihr eine schöne Form.

Formbund-konstruieren-fertig
Fertig! Hier könnt ihr nochmal sehen, wie die abgerundeten Ecken nach dem Wenden aussehen.

Ich hoffe, die Anleitung ist für euch verständlich. Falls nicht, fragt mich gerne in den Kommentaren.

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