Jeansbund-enger-nähen
Refashion

Wie man aus Papas Arbeitshose eine Mom-Jeans macht – Jeansbund enger nähen, die Zweite

Zugegeben, ein Bisschen peinlich ist es mir schon, dass ich so spät auf meiner eigenen Party auftauche, das gehört sich schließlich nicht. Schon fast einen Monat läuft sie jetzt, die Sew Unperfect Linkparty und ich habe es tatsächlich erst jetzt geschafft, meinen eigenen Beitrag dazu fertig zu stellen. Umso schöner ist es für mich, dass es schon so einige tolle Beiträge von Euch gab – vielen Dank dafür, ihr habt sozusagen die Party ans Laufen gebracht und ich darf mich jetzt gemütlich dazu setzen. Inzwischen ist aber endlich auch mein Refashion Projekt dafür fertig, eine olle und sehr weite Worker Jeans, die ich am Bund enger genäht habe. Dieselbe Methode habe ich schon einmal hier gezeigt, aber dieses Mal gefällt mir das Ergebnis viel besser. Und weil diese Refashion Linkparty ja auch als eine Art Toolbox für Ideensuchende fungieren soll, beschreibe ich hier nochmal genauer, wie ich vorgegangen bin.

Von Nähtiefs und Sommerhochs

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Eigentlich hatte ich das natürlich anders geplant – ich habe hier so viele Hosen zum reparieren und auch noch ein oder zwei zum ändern liegen, dass total klar war, dass das erste Thema der Linkparty genau das sein würde. Meine wahnwitzige Idee war, dass ich dann endlich einen Anlass hätte, den kompletten Stapel abzuarbeiten und dazu jede Menge Anleitungen zu schreiben. Allein, ich habe die Zeit nicht mit eingerechnet. In meiner Vorstellung lebte ich wohl als Einsiedlerin in einer Hütte, die mit nichts als einer Nähmaschine ausgestattet war. Ich glaube, ich musste da nicht mal selber kochen, wie hätte das sonst hinhauen können. Ganz davon abgesehen, dass mein Leben mit Kindern, Mann und Job alles andere als einsiedlerisch ist, habe ich noch dazu ein paar Freund*innen, die ich gerne sehen wollte, vor dem Herbst und allen pandemischen Lagen, die er mit sich bringen könnte. Und auch, wenn der Sommer dieses Jahr zu wünschen übrig lies, gab es ein paar Sonnenstrahlen, unter die ich mich legen wollte, solange sie noch da sind. All das hat dazu geführt, dass ich all die großen Pläne kurzerhand in den Nähschrank gepackt und den Schlüssel versteckt habe. So ungefähr. Und soll ich euch was sagen, das war es wert! Es gibt natürlich Nähtiefs, die wirklich welche sind und bei denen man damit hadern kann, dass die Inspiration nicht kommt. In diesem Fall war es aber kein Näh-Tief, sondern ein Sommer-Hoch und ich bin froh darüber, das rechtzeitig erkannt und mich nicht darüber gegrämt zu haben, dass ich nicht mit dem Hosen-Projekt weiterkomme. Alles zu seiner Zeit eben und es brauchte am Ende auch nur ein paar Regentage, um die Hose dann doch noch fertig zu bekommen. Ich habe sie gerade an, während ich diese Zeilen schreibe und ich liiieeebe sie! Sie ist so bequem und robust, wie ich es mir gewünscht habe und war das warten allemal wert.

Shoppen ist nicht gleich shoppen – das richtige Ausgangsmaterial finden

Immer wenn ich am Sozialkaufhaus vorbei komme, schaue ich mal eben nach Klamotten. Nicht, weil ich ständig neue brauche – ich kaufe sogar fast nie welche, sondern weil ich ungefähr jedes zehnte oder fünfzehnte Mal etwas finde, was perfekt für mich scheint. Das geht allerdings fast nie ohne Änderungen. Damit rechne ich aber auch schon gar nicht mehr und ehrlich gesagt ist genau das der Reiz an der Sache für mich. Ich schaue auch meistens ziemlich gezielt nach dem, was ich brauche und bin ziemlich wählerisch – auch wenn ein Teil manchmal nur 2 € kostet. Ich mache beim kaufen eigentlich keine Kompromisse mehr, es sei denn ich sehe in einem Kleidungsstück wirklich das Potential, es für mich passend zu machen. In der Praxis heißt das, dass ein Teil auch mal zu weit oder zu lang sein darf, aber z.B. nie zu eng. Auch Farben, die nicht zu meiner Garderobe passen, nehme ich nicht mit – es sei denn, das Teil ist einfach so schon perfekt und kann umgefärbt werden. Der letzte Aspekt neben Schnitt und Farbe, auf den ich achte, ist das Material. Damit meine ich nicht nur die Fasern (ich vermeide z.B. Polyester und Elasthan), sondern vor allem die Qualität. Ist es z.B. ausgeleiert oder durchgescheuert? Pillt der Stoff oder hat er Löcher und wenn ja, will ich die haben bzw. flicken? Nicht alles davon sind „Aus“-Kriterien, aber ich frage mich dabei immer bewusst, ob ich es in Kauf nehmen will. Manches kann ausgebessert werden, manches nicht. Manches kann ich so ändern, dass es mir wieder gefällt, manches eher nicht. Und manchmal sehe ich Potential in etwas, dass sich als Flop rausstellt, aber das ist inzwischen eher die Seltenheit.

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Auf der Suche nach der perfekten Hose zum ändern

Lange Rede kurzer Sinn, ich war schon seit längerem auf der Suche nach einer etwas weiteren Jeans, die ich mir am Bund enger machen könnte. Das allein wäre nicht so schwer gewesen, aber natürlich schränkt alles, was ich oben beschrieben habe, die Auswahl enorm ein. Es gibt auch im Second Hand fast keine Jeans mehr ohne Elasthananteil und auch durchgescheuerte Stellen am Schritt kommen nicht selten vor. Ich repariere sowas gerne bei Hosen, die ich schon habe, aber mit so einer Sollbruchstelle kaufen will ich sie dann doch nicht – vor allem nicht, wenn ich mir schon die Arbeit mache, sie zu ändern. Irgendwann war es dann aber soweit und ich fand nicht nur eine, sondern zwei fast identische ziemlich große Arbeitshosen, beide mit praktischen aber hässlichen Gimmicks wie aufgenähten Taschen an verschiedenen Stellen ausgestattet, aber aus tollem festem Denim und groß genug, dass sich was daraus machen ließe.

Bei Nummer 1 war mir sofort klar, dass ich sie mit Abnähern hinten enger machen und aus dem Bund einen Formbund machen würde. Sie war schon ordentlich weit, auch an den Beinen, aber das ist genau der Stil, den ich haben wollte. Die zweite Hose wäre dann doch einen Ticken zu weit um sie einfach nur zu ändern und ich nehme sie wahrscheinlich einfach als Recycling-Stoff für eine neu genähte Hose. Bevor ich mit Nummer 1 überhaupt richtig angefangen habe habe ich aber erst mal die aufgenähten Taschen abgetrennt. Dabei gab es leider eine unschöne Überraschung – der Stoff darunter war leider viel dunkler, als die übrige Jeans. So richtig gut fand ich das nicht, aber ich habe es fürs Erste so gelassen und gewöhne mich langsam daran. Irgendwie passt es auch zum Stil, der bei dieser Hose ja eher etwas grobschlächtig daher kommt. Im Zweifelsfall habe ich aber immer noch die Option, die Hose dunkler zu färben im Hinterkopf.

Ausmessen, auftrennen, abtrennen: Jeansbund enger nähen in der Praxis

Als nächstes ging es ans ausmessen und abtrennen des Bundes. Ich musste ca. 24 cm Weite wegnehmen, was unmöglich nur an einer Stelle zu machen ist. Am schönsten wäre es natürlich, die Weite gleichmäßig über die ganze Hose verteilt wegnehmen zu können, damit sich die Seitennaht nicht nach hinten verschiebt. Es sieht einfach schöner aus, wenn die Naht mittig am Bein entlang verläuft, aber so einfach geht das leider nicht immer. Vorne konnte ich nämlich schlecht Stoff wegnehmen, da dort Reißverschluss und Eingrifftaschen sind, also musste ich mich dafür auf die Seitennähte und die Hinterhose beschränken. Nach etwas hin- und her überlegen hatte ich mir diese Verteilung überlegt:

  • je 4 cm in Abnähern unter den Gesäßtaschen verschwinden lassen
  • 4 cm in der hinteren Schrittnaht
  • 2 cm durch Anschrägen des Sattels
  • je 2 cm an den Seitennähten
  • und die übrigen 6 im Bund

= 24 cm

Na dann los!

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Ich habe also den Bund hinten und etwas über die Seitennähte hinaus aufgetrennt und dann die Seitennähte und die rückwärtige Naht geöffnet und die Gesäßtaschen abgetrennt. Auch der Sattel musste ab, um die Abnäher unterbringen zu können. Die Seitennähte habe ich nur ca. 15 cm aufgetrennt, die hintere Schrittnaht aber komplett, da ich auch in der hinteren Mitte Stoff abnehmen wollte. Dabei zeigte sich übrigens, dass vor mir schon mal jemand anderes etwas an der Schrittnaht geändert, aber zum Glück nichts abgeschnitten hatte, so dass ich sie komplett als Ausgangspunkt für meine Änderungen nehmen konnte. Ich weiß nicht warum, aber das erschien mir irgendwie sicherer. Sie war tatsächlich auch nicht sooo gut geändert worden weil unten im Schritt eine Kappnaht in eine normale Naht überging. Das fiel an der Stelle zwar nicht auf (ich hatte es im Laden ja auch nicht bemerkt), aber wenn man es weiß, dann stört es einen ja doch irgendwie. So wollte ich es also nicht lassen.

Versteckte Abnäher unter den Gesäßtaschen

Je 4 cm Weite habe ich in Abnähern unter den Gesäßtaschen verschwinden lassen. Bei meinem letzten Versuch, eine Hosenbund mit solchen Abnähern enger zu machen, wollte ich die gesamte Mehrweite darin unterbringen, was mich ziemlich viele Nerven gekostet hatte. Deshalb durfte es jetzt entsprechend weniger sein. Außerdem wollte ich nicht, dass die Taschen später unschön aufspringen wenn sie wieder aufgenäht wären, was bei zu großen Abnähern vielleicht passiert wäre. 4 cm waren aber völlig in Ordnung, wie sich zum Glück rausgestellt hat. Ich habe die Abnäher als 14 cm lange Keile eingezeichnet und zusammen genäht. Danach habe ich die Taschen so darüber gelegt, dass möglichst wenig von dem dunkleren Stoff darunter sichtbar ist. Dadurch haben die Abnäher den Winkel der Taschen etwas verändert und sie stehen jetzt leicht schräg zur hinteren Mitte, was ich aber nicht schlimm finde. Als nächstes musste noch der Sattel wieder angenäht werden, den ich auch entsprechend gekürzt habe.

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Hintere Schrittnaht schließen oder „Das Kappnaht-Desaster“

An der hinteren Schrittnaht habe ich auf beiden Seiten je 2 cm weggenommen und die Schrittkurve dann neu eingezeichnet. Dabei habe ich mich am Verlauf der ursprünglichen Naht orientiert. Leider scheint mir die Schrittkurve trotzdem etwas zu steil geraten zu sein, denn sie zieht sich leider etwas nach innen. Leider fällt mir dazu außer „Arsch-frisst-Hose“ kein Begriff ein – gibt es vielleicht dafür einen fancy Nähbegriff, den ich nicht kenne, analog zum „Katzenbart“? Wenn ja, schreibt ihn mir doch in die Kommentare, dann kann ich mich beim nächsten Mal gewählter ausdrücken. Das Problem habe ich aber erst bemerkt, als die Hose fertig war, und das dauerte ja wie gesagt eine ganze Weile. Unter anderem, weil ich vorher noch mit der Kappnaht kämpfen musste, vor der ich am Ende aber kapituliert habe. Ich habe schon ein paar Mal vorher Kappnähte genäht, aber immer aus dünneren Stoffen. Für den dicken Denim und das Jeansgarn (bzw. Knopflochgarn, weil es das in passender Farbe gab) hatte ich schon die Fadenspannung angepasst und es hat bis zu dieser Naht auch ganz gut hingehauen. Bei der Kappnaht kamen dann aber so viele Lagen Stoff aufeinander, dass die Fäden überhaupt nicht mehr gleichmäßig vernäht wurden und noch dazu habe ich es nicht geschafft, überhaupt eine schöne und gerade Naht hinzubekommen. Nach dem zweiten oder dritten Versuch habe ich dann einfach aufgegeben, den Stoff rechts auf rechts zusammen genäht und dann die Nahtzugabe von außen abgesteppt. Ich finde, man sieht von außen nicht wirklich, dass ich da geschummelt habe und es sieht viel ordentlicher aus.

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Seitennähte enger machen und schließen

Nun war die Hinterhose wieder komplett und ich konnte die Seitennähte schließen. Dabei habe ich an den Vorderen Hosenteilen je 2 cm weggenommen, die Seitennaht der hinteren Hosenbeine aber unverändert gelassen. Das war ein Versuch, die weggenommene Weite wenigstens etwas mehr über die gesamte Hose zu verteilen, weil ich nicht wollte, dass die Seitennaht komplett nach hinten verschoben wird. Leider hat das nicht ganz so viel gebracht wie ich gehofft hatte und die Naht sieht jetzt von der Seite etwas verzogen aus. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Kurve der Naht zu Steil genommen habe. Nachdem ich die Hose jetzt ein paar Mal an hatte merke ich aber auch, dass der Stoff sich beim Tragen stärker weitet, als ich erwartet habe. Ich überlege deshalb, die kleine Münztasche etwas nach innen zu versetzen und die Seitennaht noch weiter nach vorne zu nehmen. Was mich abhält? Dafür müsste ich den Bund wieder abtrennen und noch dazu auch die Bundnähte noch einmal versetzen.

Den Hosenbund zum Formbund ändern

Ja, der Bund… Ich habe ja schon geschrieben, dass ich ihn zu einem Formbund ändern wollte und das ging tatsächlich einfacher als ich gedacht hatte. Nervig war nur, dass ich dafür sämtliche Gürtelschlaufen ab- und den kompletten Bund einmal auftrennen musste. Dann habe ich ihn aufgeklappt und auf Höhe der beiden Seitennähte und der hinteren Schrittnaht jeweils oben einen cm. weggenommen. Das sah jedes Mal so aus. Die Bundteile habe ich dann entlang der Linien wieder zusammengenäht, die Nahtzugabe knappkantig zurück geschnitten und möglichst flach gebügelt. Dann habe ich den Bund wieder zusammen gefaltet und angenäht. Jetzt mussten nur noch die Gürtelschlaufen und das Label wieder dran. Beides war noch mit etwas nervigen Fadenspannungsproblemen verbunden, aber am Ende auch geschafft.

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Fertig – und saubequem!

Et Voilà! Ich bin tatsächlich sehr zufrieden mit der Hose. Sie ist schon ziemlich weit, und so ziemlich das Gegenteil von elegant, aber irgendwie passt das gerade sehr zu meiner Gemütslage. Ich fühle mich darin unglaublich wohl und finde inzwischen sogar, dass die dunklen Stellen an denen die Taschen waren diesen groben Style noch etwas unterstreichen. Wahrscheinlich werde ich die also so lassen. Noch nicht ganz sicher bin ich mir wie gesagt bei der Weite – wahrscheinlich werde ich mir die Arbeit irgendwann machen müssen, aber vorerst drücke ich mich noch etwas darum. Außerdem muss ich die Hose zwei Mal umkrempeln, was mich etwas nervt. Ich finde schon, dass das zum Stil passt, aber zwei Mal muss für mich wirklich nicht sein. Ich überlege also, sie etwas zu kürzen. Was würdet ihr machen? Erstmal so lassen oder doch direkt wieder an die Maschine setzen? Ich halte euch auf jeden Fall hier und auf Instagram auf dem Laufenden. Und jetzt gibt es endlich ein paar Bilder der fertigen Hose:

Bis dahin liebe Grüße

Inga

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One Comment

  • Sabrina

    Eine sehr schöne Idee um die Mom Jeans Form einfach zu erreichen! Gerade in Zeiten in denen jegliche Damen Mom Jeans im Second Hand Bereich gnadenlos ausverkauft sind.

    Grüße

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