Culotte mit Kellerfalte
Nähen nach Schnittmustern

Die Hose rockt, Teil 1: Meine erste Culotte

* Achtung, dieser Beitrag enthält unbeauftragte und unbezahlte Werbung aufgrund einer Schnittmusternennung.

Je mehr ich mich mit dem Thema Capsule Wardrobe und Stil beschäftige, desto mehr fällt mir auf, wie viele Kleidungsstücke ich für mich komplett ausgeblendet habe. Ich habe Schnittmuster gesehen oder Kleidung an anderen die mir total gut gefallen hat und oft reflexartig gedacht, dass sie nicht zu mir passen würden.

Bei vielem mag das auch stimmen. Ich vermute mal, wer mich kennt, könnte sich mich kaum in verspielt romantischen Blumenkleidern vorstellen. Ja, die passen nicht zu mir, aber davon spreche bzw. schreibe ich nicht. Was ich meine ist Kleidung, die ich sehr wohl insgeheim gerne getragen hätte, aber für mich aus verschiedenen Gründen kategorisch ausgeschlossen habe. Teils wegen lustiger Weisheiten aus den Mädchenzeitschriften meiner Jugend wie „Querstreifen machen dick“ oder „kleinen Frauen stehen keine… (denkt euch was aus, die Auswahl ist riesig)“. Teilweise wegen selbst auferlegter Stilvorstellungen.

Dann bin ich neulich über dieses Schnittmuster für eine Culotte gestolpert und dachte, die… könnte eigentlich doch zu mir passen, und habe sie mir genäht. Und wisst ihr was? Ich war noch nie bei einem selbstgenähten Teil so froh, es gewagt zu haben. Der Schnitt ist aus der Burda Nr. 3/2015 und sieht da völlig anders aus. Hätte ich dieses Bild gesehen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Hose für mich zu nähen. Das ist also nochmal ein gutes Beispiel, wie unterschiedlich Schnittmuster umgesetzt werden können.

Auch beim Culotte nähen: Stoffauswahl und Größenfindung

Der Stoff für die Culotte war schnell gefunden. Vor einigen Monaten habe ich einen neuen Vorhang für unser Schlafzimmer genäht. Ich hatte allerdings den Stoff unterschätzt und deshalb für zwei Lagen Vorhang Stoff gekauft. Als die erste Lage fertig war haben wir aber festgestellt, dass es uns so eigentlich dunkel genug ist und nun waren mehrere Meter blauer Baumwollstoff übrig. Wenn nicht die Culotte daher gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich früher oder später auch das Kinderzimmer mit einem neuen Vorhang ausgestattet, aber so war ich froh, nicht erst auf die Suche gehen zu müssen und direkt mit dem nähen anfangen zu können.

Culotte nähen
Einfach losnähen? Leider nicht…

Naja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Man kann ja eigentlich nie direkt mit dem nähen anfangen. Und ich habe mir ja vorgenommen, von jetzt an ganz ordentlich zu arbeiten. Slow Sewing eben – auch, wenn es manchmal schwer ist. Da ist als erstes die Größenfindung an der Reihe. Ich war dabei ziemlich misstrauisch, denn der Schnitt ist aus der Burda und mit deren Größentabellen habe ich so meine Probleme. Zwischen Hüftweite und Oberweite liegen da bei mir schon mal drei Kleidergrößen und ich wusste früher oft nicht, nach welchem Maß ich mich richten sollte. Inzwischen bin ich da etwas sicherer. Bei Hosen richte ich mich normalerweise nach der Hüftweite, weil es leichter ist, eine Hose am Bund anzupassen als an der Hüfte. In diesem Fall habe ich die Größe aber nach der Taillenweite ausgesucht. Die Culotte ist auf Taille geschnitten und wird danach durch die Kellerfalte und die Abnäher hinten ziemlich weit – da war es also einfacher, wenn sie von vornherein oben passt. Am Ende ist es eine 42 geworden, was nicht gerade meine Kaufgröße wäre, aber dafür ist das Ausmessen ja gerade da.

Eine Anpassung habe ich dann trotzdem noch gemacht – nämlich eine Längenanpassung. Dafür habe ich von der Hüfte aus meine Beinlänge bis zu dem Punkt gemessen, wo der Saum enden sollte. Das waren gut 6 cm weniger als auf dem Schnittmuster. Diese Länge habe ich ungefähr auf Höhe des Knies abgenommen – wobei ich das nur schätzen konnte und es auch nicht so wichtig war, weil die Culotte ja sehr weit und gerade geschnitten ist.

Culotte nähen
Um die Schnitteile zu kürzen, wird die Mehrlänge angezeichnet und umgeschlagen.

Beim Hosenrock schön einfach: Zuschnitt ohne Extras

Der Zuschnitt war verhältnismäßig einfach weil es nicht viele Teile auszuschneiden gab. Ich habe brav alle Markierungen übertragen (sogar die Richtungspfeile für die Pfeile, sowas spare ich mir sonst immer) und die Teile ausgeschnitten. Das war schon ziemlich angenehm. Bei vielen Schnittmustern gibt es inzwischen ja jede Menge Varianten zwischen denen man sich entscheiden muss. Ich suche diese Schnittmuster auch genau deswegen aus – aber ich hatte ganz vergessen wie praktisch es ist, wenn man sich mal keine Gedanken darüber machen muss, ob man eine Passe in Komplementär- oder harmonicher Farbe einsetzt. Nur den Streifen für den Bund habe ich noch nicht zugeschnitten, denn da war ich mir doch noch nicht ganz sicher, ob ich ihn so nähen würde (Spoiler-Alarm: Würde ich nicht! Mehr dazu später).

Nähen, einfach nur nähen!

Auch das nähen war ziemlich einfach. Falls ihr bisher nur mit bebilderten Anleitungen genäht habt, kann eine Burda-Anleitung etwas gewöhnungsbedürftig sein. Es gibt da keine erklärenden Bilder. Noch dazu sind sie ziemlich kurz und knapp gehalten, was wahrscheinlich auch nötig ist, wenn man so viele Anleitungen in einem Heft unterbringen will. Man kann sich aber auch da schnell reinfinden und wenn es mal nicht verständlich ist, hilft garantiert das Internet weiter. Viele Nähte hat so ein Hosenrock ja nicht und wie die Falten gelegt werden müssen, kann man sich mithilfe der Anleitung und den Pfeilen gut erklären. Das einzig kompliziertere Ist der Reißverschluss. Mit Untertritt. Ich habe mich ein Bisschen über mich selbst gewundert (und auch etwas geschämt), dass ich mich darüber tatsächlich gefreut habe. Reißverschlüsse einnähen ist nicht schwer, wenn man es ein paar Mal gemacht hat und die Nähmaschine ein Reißverschlussfüßchen hat. Zur Not kann man sogar darauf verzichten (aber wirklich nur zur Not). Einen Reißverschluss mit Untertritt zu nähen ist dagegen schon etwas komplizierter. Ich habe das zwar schon oft gemacht, aber es hat lange gedauert, bis ich es mal auf Anhieb richtig hinbekommen habe. Und auch dann war es noch keine Freude, sondern immer ein notwendiges Übel. Deshalb war ich über mich selbst ziemlich irritiert, als ich innerlich „Yeah! Reißverschluss mit Untertritt!“ gerufen habe.

Culotte nähen
Reißverschluss mit Untertritt – bis auf diese Kleinigkeit auf Anhieb geschafft!

Vielleicht liegt es daran, dass ich endlich wieder mehr nähe und mich über alles freue, was ich wieder machen kann. Vielleicht brauchten der Untertritt und ich auch nur etwas Abstand voneinander. Jedenfalls, ich habe tatsächlich beim ersten Versuch alles richtig angenäht. Das klingt vielleicht, als wolle ich angeben, aber ich habe das früher so oft falsch gemacht, dass ich mir ziemlich sicher war, es nach so langer Zeit erst mal wieder lernen zu müssen. Nur für die äußeren Nähte habe ich zwei Versuche gebraucht und bin immer noch nicht ganz zufrieden damit. Den ersten seht ihr oben auf dem Bild, da war der Stoff nicht ganz mitgefasst. Das hat beim zweiten Versuch zwar geklappt, aber dafür laufen die beiden Nähte an der Rundung nicht exakt parallel zueinander. Aber es fällt hoffentlich nicht auf, wenn ich die Hose anhabe und noch einmal aufmachen wäre mir zu riskant gewesen.

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Nihct ganz exakt, aber das fällt beim Tragen nicht auf… hoffe ich zumindest.

Noch nie einen Hosenrock getragen und dann: Anprobe

Als bis auf Bund um Saum alles fertig war, habe ich eine Anprobe gewagt. Das war für mich allein deshalb schon spannend, weil ich mich seit meiner Kindheit nicht in einem Hosenrock gesehen hatte. Ich trage auch keine Röcke, weshalb es schon eine kleine Zitterpartie war, ob mir die Culotte gefällt (besser gesagt, an mir gefällt, das macht ja doch manchmal den Unterschied aus). Die Antwort war zum Glück ja – ich fand sie einfach super und hätte sie am liebsten gleich angelassen, aber es gab noch zwei Dinge zu tun, nälich Bund und Saum nähen. Weil ich die Hose so toll fand, bin ich habe ich sie erstmal eine Weile angelassen (oben mit Stecknadeln zugesteckt), was im Nachhinein echt Glück war. Dadurch hat sich nämlich gezeigt, dass die Culotte zwar zu Anfang genau richtig saß, der Stoff sich nach ca. 10 Minuten tragen aber ziemlich gedehnt hatte und sie rutschte. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, mich an einem Formbund zu versuchen.

Culotte nähen
Die Knopfauswahl war noch das einfachste beim Formbund nähen
(am Ende ist es der oberste geworden)

Der Bund im Schnittmuster ist einfach ein breiter Streifen, hat also überall die gleiche Weite. Ein Formbund dagegen wird zur Taille hin schmaler und sorgt so für einen besseren Sitz. Angeblich, ich hatte es noch nie versucht. Aber es klingt natürlich logisch und das Ergebnis sitzt sehr gut. Die Hose rutscht nicht und bleibt, wo sie sein soll. Wie genau man einen Formbund näht, zeige ich euch in einem gesonderten Beitrag, da es etwas aufwändiger ist. Soviel schon mal vorab: Es lohnt sich. Sehr. Ich werde vielleicht nie wieder eine Hose ohne Formbund nähen.

Nur noch der Saum und dann fertig?

Zum Schluss blieb nur noch der Saum. Ich hatte die Culotte ja bereits im Papierschnitt gekürzt, musste aber trotzdem nochmal etwas abschneiden. Sie wäre sonst doch sehr lang gewesen (noch so eine alte Weisheit: „7/8-Hosen lassen deine Beine kürzer aussehen“ – ich glaube immer noch dran und es ist mir immer noch nicht egal). Im Schnittmuster wird der Saum von Hand genäht, aber das habe ich mir gespart. Ich finde, Saumnähte können auch sehr schön aussehen und zum Stil der Culotte passt es auch, wenn man eine Naht sieht. Ich habe den Saum also 4cm umgeschlagen und dann abgesteppt. Eigentlich hätte die Hose jetzt fertig sein sollen. War sie aber nicht. Von vorne sah sie super aus, aber von der Seite irgendwie schief. Der Saum war hinten ein ganzes Stück höher als vorne, wie man auf dem Foto sehen kann. Eigentlich logisch, schließlich habe ich ja das Hohlkreuz (vom Kreuz mit dem Hohlkreuz habe ich hier berichtet). Passend dazu gibt es den Entenpo – da habe ich ja mal richtig abgeräumt. Es ist aber wirklich logisch, dass dann der Saum höher liegt. Beim Nähen gibt es zum Glück für alles Lösungen, in diesem Fall das Saumabrunden. Wie das geht erkläre ich demnächst mal ausführlich, sonst schlaft ihr beim Lesen noch ein. Dass es funktioniert hat verrate ich aber gerne schon jetzt.

Raus aus der Komfortzone – rein in die Komforthose

Culotte nähen
Voilà! Meine erste Culotte.

Was soll ich sagen? Der Sommer neigt sich langsam dem Ende zu und ich bereue höchstens, mich nicht schon vorher mal auf Hosenröcke eingelassen zu haben. Es ist die bequemste Hose, die ich seit langem hatte und trotzdem fühle ich mich darin „gut angezogen“. Komplimente gab es auch schon, es bleiben also keine Wünsche offen. Mir hat das vor allem zwei Sachen gezeigt: Erstens, dass es sich lohnt, sich mal aus der eigenen Jahrelangen Komfortzone rauszubewegen und zweitens, dass es die Mühe mehr als wert ist, sich mit einem Schnitt richtig auseinander zu setzen. Formbund und Saum abrunden haben zwar extra Zeit gekostet – aber ich könnte wirklich nicht zufriedener sein.

Culotte nähen
Und so sieht die Culotte von der Seite aus. Die Kellerfalten springen etwas auf.

Mich würde mal interessieren, ob ihr auch Sachen nicht tragt, obwohl sie euch gefallen würden. Geht es nur mir so oder fühlt ihr euch auch manchmal durch vermeintliche Stilregeln eingeschränkt? Egal ob ja oder nein, sagt es mir gerne in den Kommentaren.

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