Schnittmuster-anpassen
Nähkästchen

Sew sustainable? Teil 3: Was Schnittmuster anpassen mit nachhaltigem Nähen zu tun hat

Gibt es selbstgenähte Fast Fashion? Diese Frage stelle ich mir schon seit einiger Zeit. Ich habe ja schon geschrieben, dass Nähen meiner Meinung nach nicht automatisch nachhaltiger ist als die schnell produzierten Trends der Modeindustrie. Nachhaltiges Nähen hat für mich aber nicht nur mit den verwendeten Materialien zu tun, sondern auch mit der Art, wie wir nähen. Natürlich können wir auch ein schnell genähtes T-Shirt heiß und innig lieben und tragen, bis es uns vom Leib fällt – aber trotzdem glaube ich, dass die Zeit, die wir in ein Kleidungsstück stecken, die Wertschätzung beeinflusst, die wir ihm geben. Ein Teil, dass wie für uns gemacht ist, eben weil wir es genau für uns gemacht haben, werden wir wahrscheinlich länger tragen und besser pflegen. Aus meiner Erfahrung gehören Schnittanpassungen zu wirklich gut sitzender Kleidung dazu – vor allem, wenn man an einzelnen Stellen nicht in die gängigen Schnittmustermaße passt. Ich mache inzwischen für fast jedes Teil eine Längen- und Hohlkreuzanpassung und natürlich meine heißgeliebte FBA (= Full Bust Alteration. Keine Ironie, ich liebe sie wirklich).

Wenn man im deutschsprachigen Raum etwas über Schnittanpassungen lernen möchte, kommt man an Meike Rensch-Bergner von Crafteln wahrscheinlich nicht vorbei. Sie gibt Kurse, hat Bücher geschrieben und macht einen tollen Podcast. Ihr Ansatz ist dabei, dass Schnittanpassungen die Regel sind und nicht die Ausnahme und dass jede Frau in gut passender Kleidung schön und selbstbewusst sein kann. Ich muss gestehen, ich bin ein Fan – ihr könnt euch also vorstellen, wie ich mich gefreut habe, als sie sich für ein Interview zum Thema nachhaltig Nähen und Schnittanpassung bereit erklärt hat:

Schnittmuster anpassen

Inga: Ich finde, anhand der Sprache lässt sich immer etwas über den Umgang mit Sachen erkennen. In der Nähwelt hüpfen jede Menge Ellas von den Nadeln, es werden Teile für die Tonne und UFOs, also unfertige Objekte genäht – findest du, dass das darauf schließen lässt, dass hier Fast Fashion genäht wird?

Meike: Also ich glaube, dass es selbstgenähte Fast Fashion gibt, als eine Phase im Leben einer Näherin wo ein Gefühl der Selbstwirksamkeit da ist und wo dann erst einmal so eine Art Rausch entsteht um diesen Erfolg zu vervielfachen. Ich glaube, bei vielen bleibt es in so einer Phase weil dann irgendwann der Schrank wirklich voll ist und dann auch wieder die Vernunft siegt. Wenn du jetzt aber auf die Sprache abzielst, dann glaube ich schon dass Social Media und der Austausch in der Community dazu führt, dass vielleicht genau wie beim Kaufen eine Projektentscheidung getroffen wird, die man alleine nicht gemacht hätte. Man sieht irgendein Motiv, einen Stoff oder ein Schnittmuster das gerade Trend ist und will das dann auch haben. Eine Beobachtung von mir ist aber, dass viel mehr gekauft als umgesetzt wird. Ich wüsste jetzt nicht, welcher Teil genau, aber meine Schätzung wäre so 20%.

Inga: Das ist eine krasse Schätzung. Aber ich kann mir das vorstellen, denn am Anfang war das bei mir auch so. Ich hatte damals die Burda abonniert und habe mir quasi jeden zweiten Schnitt angekreuzt weil ich ihn nähen wollte. Aber nach deiner Methode braucht man ja schon mehr Vorbereitungszeit, oder?

Meike: Ja, schon. Immer dann wenn man „Damenkleidung“, nähen will, also Kleidung für erwachsene Frauen die auch diese erwachsenen Körper ankleidet und, sagen wir mal „bürotauglich“ macht. Diese Erwachsenenkleidung ist aufwändiger als etwa ein T-Shirt oder ein Hoodie, also alles was früher mehr in den Bereich Freizeitkleidung fiel. Heute ist es ja so, dass diese Freizeitkleidung auch bei der Arbeit getragen wird, aber wenn wir jetzt diese zwei Kategorien aufmachen weiß wahrscheinlich jede*r, was ich meine. Natürlich ist eine gut passende Bluse, ein Jackett oder eine Jacke aufwändiger zu nähen und natürlich auch anzupassen. Das kann man dann gar nicht so schnell nähen wie z.B. die fünf T-Shirts in Serie.

Inga: Ist das denn für deine Teilnehmer*innen am Anfang eher ein Aha-Erlebnis, weil sie merken „Wow, ich kann das auch!“. Oder kommen sie eben an und denken „Meike bringt mir das bei“ und sind dann ernüchtert, wie viel Arbeit dahinter steckt?

Meike: Ja, ich glaube die Phantasie ist doch noch stark da, dass ich Wunder vollbringe und das sozusagen in 30 Minuten alles getan ist. Das ist ja so nicht der Fall. Und trotzdem, wenn man sich am Anfang vorgenommen hat „ich will das lernen,“ dann merkt man sehr schnell, dass es für jeden Körper die typischen Änderungen gibt. Und damit ist es dann schon vergleichsweise einfach zu lernen. Aber es erfordert, und das geht mir auch noch so, immer einen Anfang wenn man ein neues Schnittmuster umsetzen will. Das ist eben nichts wo man sagt „ich tackere das jetzt schnell zusammen“ um nochmal auf die Sprache zu kommen. Aber wenn man entweder fortgeschrittene Näherin ist oder auch Lust auf ein bisschen „erwachsenere“ Kleidung hat, dann hat man irgendwann diese Erkenntnis, dass einen das dritte oversized T-Shirt auch nicht glücklich macht und dass man vielleicht noch etwas anderes dazu braucht, um eine vollständige Garderobe zu haben.

Schnittmuster anpassen

Inga: Kommt mir bekannt vor. Ich nähe jetzt seit ungefähr 12 Jahren und bin tatsächlich über das Nähen kleidungsmäßig erwachsener geworden, würde ich sagen. Irgendwann fand ich es einfach spannend, auch mal ein Bisschen über das was ich schon gelernt hatte, hinauszugehen. Und dann kommt eben genau diese „Damenkleidung“, die es ja auch in den unterschiedlichsten Ausprägungen gibt.

Meike: Ja, das muss ja nicht gleich aussehen wie bei der Oma, sondern das können wir in den Mustern und Farben machen, die uns gefallen. Für mich ist der Unterschied der: Wenn wir Kaufkleidung haben, dann ist es für mich kein Zufall, dass es so viel Jersey und so viel oversized gibt. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kundin kauft, einfach viel größer. Sie geht in die Umkleidekabine und es passt irgendwie. Wenn wir aber dann eine Garderobe haben wollen, die wirklich zu uns passt, also die wirklich genau zu dem Körper passt, den wir haben, dann muss etwas wie Abnäher an den richtigen Stellen sitzen. Und das kann industriell gefertigte Kleidung kaum bewerkstelligen, weil die Menschen so unterschiedlich sind. Und dann sind natürlich clevere Leute auf die Idee gekommen zu sagen „dann lassen wir die Abnäher einfach weg und oversized oder sportliche Mode ist modern“. Ich glaube, dass sehr viele dieser Modetrends tatsächlich aus kaufmännischen Gesichtspunkten entstanden sind. Es sind weniger Nähte dran, weil man weniger falsch machen kann und weil damit eben die Kaufwahrscheinlichkeit der Kundin größer wird. Es passt dann halt irgendwie. Aber wenn man eine Weile näht, dann möchte man irgendwann, dass es nicht mehr nur „irgendwie“ passt sondern dass es einfach passt.

Inga: Die meisten Schnittmuster für Anfänger*innen sind ja auch auf Stretchstoffe bzw. Jersey ausgelegt. Findest du das sinnvoll?

Meike: Das Lustige ist, dass die Nählehrer*innen bis vor ca. 10 Jahren noch gar nicht so viel Erfahrung mit Jersey hatten. Denn in der Schneidereiausbildung wird nicht mit elastischen Stoffen gearbeitet. Die lernen ja mit Webware die klassischen figurformenden Details wie Abnäher und so. Und dass der Jersey auf einmal kam, da ist meine Hypothese, dass das auch wieder kaufmännische Entscheidungen waren. Weil dann eben die zweite Nähmaschine, also die Overlock dazu verkauft wurde. Und in dem Moment wo alle die Overlock-Maschinen hatten, gab es dann auch wahnsinnig viel Jersey. Das macht es dann auch einfacher mit der Passform und wenn dann noch wilde Muster dazu kommen, dann sieht man sowieso nicht so genau, ob das vielleicht ein Bisschen schief ist oder so. Ich glaube, das hat schon sehr zu dieser Fast Fashion im Nähen geführt. Das gibt es aber eben noch nicht so lange, eher so seit 10, 12 Jahren.

Inga: Wenn wir schon bei den Overlocks sind: Früher war es ja Gang und Gäbe, dass Kleidung auch einfach angepasst wurde, wenn sich die Figur ein Bisschen verändert hat, man zum Beispiel ab- oder zugenommen hat. Mit den heutigen Overlocknähten ist das aber gar nicht mehr möglich, weil die Nahtzugaben so kurz sind, dass da einfach keine Reserve mehr drin ist. Fändest du es eine sinnvolle Idee, diese Möglichkeiten schon beim Nähen mit einzuplanen?

Meike: Eine interessante Frage, da habe ich tatsächlich so noch nicht drüber nachgedacht bisher. Ich benutze auch bei Webware die Overlock zum Versäubern und lasse da nicht so viel Nahtzugabe. Dem sind tatsächlich auch schon Kleidungsstücke zum Opfer gefallen. Aber du hast Recht, es wird kaum noch geändert oder repariert, während früher in Bekleidungsgeschäften, also auch im Kaufhaus, eine Änderungsschneiderin dazu gehörte. Ich erinnere mich an die Herrenhosen von meinem Vater, da war noch gar kein Saum dran, der musste immer erst noch gemacht werden. Aber wir haben ja heute so eine Vielzahl an Modemarken und -geschäften, die können ja nicht alle auch noch eine Schneiderin dabei haben.

Schnittmuster anpassen

Inga: Mode ist ja auch generell nicht darauf ausgelegt, die Sachen so lange zu tragen, wie man sie gut erhalten kann. Das sagt ja schon der Begriff Mode eigentlich, da steckt ja schon eine Art geplante Obsoleszenz drin. Die ganze Modeindustrie ist ja nicht mehr darauf ausgerichtet, Leute einfach gut zu kleiden. Aber wir, die selber nähen, haben immerhin den Vorteil, es anders machen zu können.

Meike: Ja, also, ich sage immer wenn man z.B. beim Nähen dann anfängt, den eigenen Stil zu entdecken, dann ist es manchmal auch gut, dass es beim Nähen länger dauert. Weil man dann auch erst in bestimmte Kleidungstücke rein wachsen muss. Die Psyche muss dem sozusagen hinterher wachsen. Und wenn man jetzt quasi täglich Neues produzieren würde, könnte man da gar nicht hinterher kommen. Und man würde dann vielleicht auch Sachen, wenn man sie einmal trägt und sie kommen einem komisch vor, nicht nochmal anziehen. Aber wenn man es selbst genäht hat, dann weiß man, wie viel Arbeit darin steckt und dann gibt man dem Teil vielleicht doch noch zwei, drei Mal eine Chance und stellt dann fest „ja, stimmt, die ersten zwei Mal als ich es an hatte fühlte es ich total ungewöhnlich an. Aber jetzt merke ich, so schlecht ist es gar nicht.“ Und das schätze ich an der Langsamkeit des Nähens weil ich glaube, dass wir insgesamt manchmal den ganzen Strömungen unserer Zeit nicht mehr hinterher kommen. Da ist das Nähen tatsächlich ein organischeres Wachstum beim Füllen des Kleiderschranks.

Inga: Ändert sich dadurch nach deiner Erfahrung auch etwas im Umgang mit Kleidung?

Meike: Ja schon. Wobei es schon so ist, dass ich mich ertappt fühle, wenn ich auf Nachhaltigkeit beim Thema Kleidung angesprochen werde. Weil, obwohl ich immer das Gefühl habe, ich nähe gar nicht so viel, besitze ich z.B. vier Übergangsmäntel und das ist ja eigentlich ziemlich bescheuert. Eigentlich würde ich sagen, es reicht einer oder vielleicht zwei für den Fall, dass einer mal in die Reinigung muss. Oder einen für „Gut“ und einen für die Freizeit oder so. Aber vier erscheint mir schon wieder relativ viel. Aber das hat auch was mit dem Schnittanpassen zu tun. Denn wenn ich mal rausgefunden habe, dass der Schnitt, so wie ich ihn angepasst habe, funktioniert, er genau passt und mir das Modell steht, dann neige ich dazu, ihn gleich noch in weiteren Farben oder Varianten nach zu produzieren.

Inga: Das ist ja auch verlockend. Das machen glaube ich viele, einfach um dem Aufwand gerecht zu werden, den man reingesteckt hat. Nähst du denn eigentlich Probeteile?

Meike: Also grundsätzlich finde ich, weil ich wenig Zeit habe, Probeteile muss man auch anziehen können. Wenn ich Probeteile nähe, versuche ich oft, sie aus einem ähnlichen Stoff zu nähen, den ich aber nicht so lieb habe. Das klassische Probeteil ist ja aus Nesselstoff. Und dieser Nesselstoff verhält sich ganz anders, als viele andere Stoffarten. Das heißt, es macht gar nicht so viel Sinn, bestimmte Dinge, vor allem keine elastischen, aus Nesselstoff Probe zu nähen. Das heißt, wenn ich ein Jerseyteil zum ersten Mal nähe und mir ein bisschen unsicher bin, dann nehme ich oft einen Jerseystoff aus meinem Vorrat, der ähnliche Materialeigenschaften hat, den ich aber nicht so gern habe. Aber dann nähe ich das Schnittmuster schon auch richtig, so dass man es anziehen kann. Und oft ist es dann so, dass das auch Lieblingsteile werden – erstaunlicherweise. Manchmal werden sogar die Probeteile besser und werden häufiger getragen, als das eigentliche Teil, bei dem man ganz lange nach dem Stoff gesucht und mehr ausgegeben hat.
Aber wenn ich etwas aus Webware nähen will, also entweder eine Hose oder ein die Figur betonendes Oberteil, dann nähe ich tatsächlich Probeteile aus Nesselstoff. Da könnte man vielleicht auch ein altes Bettlaken nehmen. Ich male aber auch Linien auf das Probeteil und dann kann man den Stoff nicht nochmal benutzen. Aber gerade wenn man mehrlagig arbeitet, also z.B. mit Futterstoffen ist es echt sinnvoller, diese extra Runde zu drehen.

Schnittmuster anpassen

Inga: Ich bin da für mich total unschlüssig. Ich habe noch nie ein Probeteil genäht, aber bin z.B. bei schwierigeren Sachen damit schon ordentlich auf die Nase gefallen. Meistens reicht es, wenn ich sehr großzügige Nahtzugaben mache und dann abstecke und hefte, aber vor ein paar Jahren habe ich mich z.B. ans Jeans nähen gewagt und die saßen nicht so toll.

Meike: Ja, man kann total viel lernen bei diesen Probeteilen. Und noch ein Argument für Probeteile ist: Wenn man mal eine Hose oder ein Oberteil gut angepasst hat, kann man das Probeteil auch aufheben und als Schablone benutzen. Man nimmt es dann wieder ein bisschen auseinander, und dann kannst du ganz schnell bei einem neuen Schnitt es einfach auflegen und siehst dann ganz schnell, ob das irgendwie hin haut oder ob da vielleicht Denkfehler drin sind und überhaupt nicht hinhauen kann. Das mache ich schon auch viel. Also entweder mit alten Probeteilen oder halt mit dem angepassten Schnittmuster, wo dann eben die Änderungen auf das Schnittmuster übertragen wurden.
Man muss halt immer darauf aufpassen, dass die Materialeigenschaften ähnlich sind. Bei Jeans ist es ja z.B. so, dass die Mehrzahl der Jeansstoffe, die wir kaufen können, Elasthan enthält. Und das Bettlaken hat eben keins. Aber trotzdem kannst du damit zumindest erst mal die groben Fehler vermeiden. Und dann gibt es eben noch das Feintuning, wo du eben noch bestimmte Nachbesserungen machst. Aber die kannst du auch nur machen, wenn du im Vorfeld auf Nummer sicher gehst. Ich glaube, wenn man es einmal richtig macht, auch wenn man das Probeteil danach wegschmeißt, dass man das dann in den nächsten Jahren sozusagen wieder einspart. Weil man dann nicht so viele Sachen produziert, die nie angezogen werden.

Inga: Ja, das ist auf jeden Fall ein gutes Argument. Wo du eben das Elasthan in den Jeansstoffen erwähnt hast, bringt mich das zu einer anderen Frage. Es ist ja so, dass auch die meisten Jeansschnittmuster für Stretchstoffe ausgelegt sind. Ich kaufe aber eigentlich keine Stoffe mit Elasthan weil ich erstens weiß, die lassen sich schlecht recyceln, da geht viel Mikroplastik ins Wasser, aber auch weil ich finde, dass die nicht so robust sind. Wenn ich aber das Schnittmuster doch sowieso auf meine Maße anpasse, ist der Stretchanteil dann überhaupt noch nötig?

Meike: Naja, auch da gibt es wieder die Geling-Garantie. Wenn ich als Schnittmusterherstellerin ein Schnittmuster gleich mit Elasthan empfehle, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Näherin damit Erfolg hat, eben größer. Aber letztendlich ist es genau, wie du sagst. Die große Schneiderkunst liegt eben in den Zugaben, in der Frage, wie viel Mehrweite ich im Vorfeld kalkulieren muss, damit eben überhaupt Bewegung möglich ist und damit der Fall entsteht oder die Silhouette entsteht, die ich gerne haben möchte. Das ist ja etwas, was man kaum theoretisch lernen kann. Das ist ja alles wirklich hohe Schneiderkunst und ich glaube, dass eben heute sehr viel Fokus auf diese schnelle Geling-Garantie gelegt wird und dann macht es das Elasthan halt leichter.

Inga: Es gibt ja Schnittmustermarken, da weiß ich ganz genau, die haben genug Teilungslinien damit ich weiß, wo ich die Kürzungen für mich machen muss und dann gibt es welche die haben diese Linien nicht drin. Aber nachdem ich deinen Podcast gehört habe, weiß ich, ich könnte mir die eigentlich selbst einzeichnen, richtig?

Meike: Naja, es gibt da ja auch kein Prüfzeichen für Schnittmuster oder so. Bis vor ungefähr 10 Jahren war es eher so, dass die Schnittmuster nur von den großen Schnittmusterverlagen herausgegeben wurden. Und dann kam ja dieser Trend zu den Indie-Schnittmustern, den E-Books, und die kann natürlich im Prinzip jede*r rausbringen. Die sind deshalb natürlich von unterschiedlicher Güte und auch von unterschiedlicher kaufmännischer Kalkulation. Umso mehr Testrunden du machst, umso mehr du vielleicht bei den kleinen Größen differenzierst und das Schnittmuster in den größeren Größen nochmal abwandelst umso teurer wird es. All das kostet ja in der Produktion Geld und wenn man dann sagt, das brauchen wir nicht wird das für den Schnittmusterhersteller billiger, aber eben nicht so komfortabel für die Anwenderin.

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Inga: Aber wenn ich deine Methode richtig verstanden habe kann man ja, wenn man sich richtig ausgemessen hat, selbst diese Teilungslinien einfügen.

Meike: Ja, das kommt daher, dass ich eine Plus-Size Kleidergröße trage. Und meine Nähfreundinnen trugen teilweise Kleidergröße 36 und ich wollte dann immer genau das Gleiche nähen wie die. Das heißt ich war eigentlich von Anfang an in meiner Nähkarriere, also seit ich Erwachsenenkleidung genäht habe, damit konfrontiert, dass ich jedes Kleidungsstück größer machen musste. Und zwar nicht nur eine Kleidergröße, sondern eine ganze Liga von Kleidergrößen. Und deswegen weiß ich, das geht alles. Du musst einfach nur verstehen, wie dieses Schnittmuster funktioniert und wie du die Körpermaße mit dem Schnittmuster in Einklang bringst. Und dann ist es egal, ob das Schnittmuster eine Körpermaßtabelle oder eine Fertigmaßtabelle hat oder ob die Nahtzugabe schon inklusive ist oder nicht – das geht alles. Du brauchst eigentlich nur den Rohling und daraus machst du dann dein Maßschnittmuster. Was du halt bekommst, wenn du ein Schnittmuster kaufst, ist ein bestimmtes Design.

Schnittmuster anpassen

Inga: Glaubst du denn, wenn man diese ganzen Anpassungen die man für sich selbst braucht mal verstanden hat, dass es dann auch möglich ist, Kaufkleidung anzupassen?

Meike: Da habe ich neulich sogar eine ganze Podcastfolge zu gemacht. Um es kurz zu beantworten: Ich glaube, bei den Längen ist es möglich, also beim Kürzen. Und auch bei bestimmten Weitenänderungen, aber die Frage ist, ob es sinnvoll ist. Die Frage von der Hörerin war, ob es eine Zeitersparnis ist einen „Rohdiamanten“ zu kaufen und dann zu verfeinern. Und ich glaube nicht, dass das wirklich viel Zeit spart. Das Problem z.B. bei zu großer Kleidung ist, dass der Schulterbereich so schlecht passt, dass man da schon viel machen muss bis das passend ist. Natürlich kannst du an den Seitennähten Weite wegnehmen und die Länge kürzen u.s.w. Aber wenn der Schulterbereich nicht passt wirst du da viel zu tun haben bis du es passend hinbekommst. Und die Frage ist, ob das sich dann wirklich rentiert. Also wenn, dann nur aus Nachhaltigkeit, weil man zum Beispiel sagt „dieser Kaschmirpulli ist von der Qualität her so toll, den will ich auf keinen Fall weggeben. Dann ja, aber dann muss das Material auch wirklich erstklassig sein. Bei allen anderen Sachen habe ich da meine Bedenken.

Inga: Ich mache das ja bei manchen Sachen wirklich aus Nachhaltigkeitsgründen, aber das sind dann auch Sachen, die ich entweder im Second Hand schon halbwegs passend gekauft habe oder die ich mir mal mal selbst genäht habe und die mir in manchen Details nicht mehr gefallen. Aber das sind natürlich keine grundlegenden Schnittänderungen.

Meike: Genau! Und dafür muss man dann nämlich auch wieder ein tieferes Verständnis dafür haben, wie Kleidung funktioniert, weil dann, um bei dem Beispiel von eben zu bleiben, guckst du halt, dass es im Schulterbereich gut passt und wenn es unten zu weit oder zu lang, zu kurz oder was auch immer ist, dann weißt du, da kann ich ändern, da ist es einfach. Ich kenne auch Leute, die da einfach Bock drauf haben, Kleidung umzuarbeiten weil sie halt wissen, dass ist ein einmaliges Kleidungsstück, das hat niemand anderes. Dieses Upcycling schafft ja dann wirklich Einzelstücke, noch mehr als das Nähen, wo wir ja einen Stoff kaufen, den andere vielleicht auch haben. Und da würde ich auch sagen ja, wenn das wirklich deine Leidenschaft ist, super! Nur glaube ich dass die meisten Leute diese Leidenschaft nicht haben.
Ich glaube auch, was ganz viele Leute vergessen haben, ist, dass es Änderungsschneidereien gibt. Und es lohnt sich, mit solchen Sachen einfach mal da hinzugehen und man wird feststellen, dass das gar nicht so teuer ist. Da kann das sich bei schönen Stoffen total lohnen. Und man kann sich eben, wenn man selbst näht, auch zeigen lassen was die gemacht haben, sich das angucken und was draus lernen. Ich habe da auch eine Schneiderin von der ich ganz viel gelernt habe, weil ich immer gesagt habe „zeigen sie mir das doch mal“. Das hängt sozusagen von der eigenen Neugier und der Kommunikationslust ab. Wenn es dir Spaß macht und du sagst, das mache ich total gerne, finde ich das super. Aber man kann mit dem Tipp vielleicht eine Abkürzung einbauen für diejenigen, die das vielleicht nicht ganz so gerne machen.

Das ist wirklich ein guter Tipp zum Abschluss, finde ich. Es muss schließlich nicht jede selbst ihre Kleidung ändern, aber gerade liebgewonnenen Teilen oder vielleicht sogar Erbstücken könnte in einer Änderungsschneiderei neues Leben eingehaucht werden. Vielleicht gibt es ja eine in eurer Nähe. Meine Refashion-Projekte mitsamt Anleitungen findet ihr natürlich hier im Blog – die Rubrik wächst mit jedem Teil – wenn ihr über neue Posts informiert werden wollt, folgt mir doch auf Instagram oder Pinterest. Außerdem würde mich interessieren, wie ihr es mit dem Anpassen von Schnittmustern haltet. Habt ihr auch eure Standard-Anpassungen, die ihr vor dem Nähen macht oder tastet ihr euch nach und nach da ran? Vielleicht habt ihr ja auch das Glück, dass ihr gar nichts anpassen müsst? Schreibt es mir gerne in die Kommentare.

Morgen geht es dann erst mal um die Frage, wie viel Kleidung wir überhaupt brauchen. Dafür habe ich mit Jasmin Mittag vom Podcast Minimalismus JETZT! gesprochen. Ich freue mich natürlich, wenn ihr dann wieder reinschaut.

2 Comments

  • Silke

    Naja, ich bin 1,74 und hab ein D Körbchen, da muss ich immer die Länge anpassen und fast immer eine FBA machen. Weil das beides sonst zu zu kleiner und unbequemer Kleidung führt, wie ich es bei Kaufkleidung oft habe. Darum nähe ich ja, weil mich sowas nervt.

    Und weil ich außerdem noch sehr speziell bei meinem Geschmack bin, mache ich quasi immer weitere Änderungen. Das ist ja dann kaum zusätzlicher Aufwand, wenn ich sowieso am Schnitt rumbasteln muss. 😁

    • Inga

      Hallo Silke,
      bei mir ist es umgekehrt bei der Größe – ich muss immer kürzen. Bei Kaufkleidung geht das ja nicht immer so einfach an den richtigen Stellen, weshalb sie mir immer entweder zu eng oder zu lang ist. Als ich anfing zu nähen habe ich noch keine Änderungen gemacht und war dann oft genauso frustriert wie beim kaufen in der Umkleide. Aber nach und nach habe ich mich rangetastet und jetzt geht es mir wie dir – der Aufwand ist relativ gering wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat. Und vor allem wird man endlich mit gut sitzender Kleidung belohnt.
      Liebe Grüße
      Inga

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