Reparieren

Geht nicht gibt’s nicht: Einen Strohhut reparieren mit Schrägband

Unsere Gartenlaube ist ein scheinbar endloser Fundus. Neben alten T-Shirts, aus denen man schöne neue T-Shirts machen kann, fand sich dort auch ein Strohhut mit tollem Muster, der aber leider schon eingerissen war. Entdeckt habe ich ihn schon letztes Jahr und die erste Reaktion war, dass ich ja sowieso keine Hüte trage. Schon gar keine Strohhüte. Dann kam der sehr heiße Sommer 2019 und ich war ziemlich froh über diese praktische Kopfbedeckung. So langsam freundeten wir uns an. Nur so kaputt wollte ich ihn nicht ständig tragen, also würde ich ihn irgendwie reparieren müssen.

Das Stroh war allerdings an ein paar Stellen komplett durchgebrochen, da war nicht viel zu machen. Eine Radikalkur musste her. Rausschneiden war die einzige Möglichkeit, in etwa wie Haare schneiden bei zu viel Spliss.

Schönes Muster, aber ein dicker Riss drin…

Manche Projekte schiebt man immer wieder auf, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Strohhut-Reparatur habe ich vor allem deshalb immer wieder vertagt, weil ich wirklich Angst hatte, es zu versauen. Schlicht und einfach. Denn eines war ja klar: Wenn ich den schönen Hut auseinander schneide und meine ganze Idee nicht aufgeht oder es am Ende einfach doof aussieht oder der Hut in 1000 einzelne Halme zerfällt… Ihr kennt das wahrscheinlich. Nicht gerade hilfreich war auch, dass eine Freundin ganz entgeistert war als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte. Aber andererseits – es gab ja nur zwei Möglichkeiten, nämlich, es nicht zu versuchen und den Hut nicht mehr lange anziehen zu können oder es zu versuchen, zu versauen und ihn auch nicht mehr anziehen zu können. Ach ja, und natürlich noch die dritte Version, es zu versuchen und einen schönen und brauchbaren Sonnenhut zu haben. Die Wahrscheinlichkeit von Nummer drei erschien mir allerdings nicht so hoch (so ca. 50% – 60% vielleicht, höchstens), weshalb ich fast ein halbes Jahr vom Entschluss zur Tat gebraucht habe.

Hut ab! Der Griff zur Schere

Letzte Woche war es dann so weit und ich griff zur Schere. Vorher hatte ich mir genau überlegt, wo ich schneiden müsste und die ganze Linie entlang mit Stecknadeln markiert, damit nichts schief geht. Ich war darauf eingestellt, dass ich immer nur ein paar Zentimeter schneiden könnte und dann direkt das Schrägband annähen müsste, damit das Stroh nicht ausfranst. Das hätte ziemlich kompliziert bis unmöglich werden können. Ehrlich gesagt hatte ich den Plan nicht so gut durchdacht, wie mir im Nachhinein klar ist, denn ein Strohhut ist ein Bisschen störriger als ein zartes Stück Jersey – einmal unter der Maschine hätte ich unmöglich weiter schneiden können, weil ich mit der Schere nicht an die richtigen Stellen gekommen wäre. Es kam zum Glück aber nicht dazu, denn beim ersten Schnitt konnte ich einigermaßen erleichtert aufatmen. Ja, aufatmen. Es war wirklich so spannend – aber da muss man wohl dabei gewesen sein.

Unmöglich, hier noch was zu schneiden…

Einmal zerschnitten franste das Flechtwerk nicht einfach auf wie befürchtet, sondern blieb brav in seiner Form. Ob das bei jedem Strohhut so ist oder nur bei älteren, die schon lange geflochten sind, kann ich leider nicht sagen. Ich weiß ja nicht einmal, ob der Hut überhaupt alt ist.

Ich habe also zuerst den kompletten „Deckel“ abgeschnitten und damit auch gleich die kaputte Stelle entfernt. Der erste Teil des Projekts „Strohhut reparieren“ war getan. Auch, wenn ich mich jetzt nicht so sehr beeilen musste wie befürchtet, habe ich vorsichtshalber direkt angefangen, das Schrägband anzunähen. Ich hatte dafür Schrägband in zwei verschiedenen breiten vorbereitet, ein schmaleres für die obere kante und ein breiteres für die Krempe. Es ist aus Resten von einem gemusterten Baumwollstoff, der mal für ein Jackenfutter hergehalten hat. Wie man Schrägband selber machen kann hatte ich ja vor ein paar Wochen hier gezeigt. Normalerweise stecke ich Schrägband vor dem nähen immer fest, jedenfalls dann, wenn ich Rundungen damit einfassen möchte. Bei dem Sonnenhut Upcycling war das allerdings nicht machbar, das hätte der Rand, der ja noch unversäubert war, nicht verkraftet (ich habe einen Versuch gemacht und die Nadel schnell wieder rausgezogen weil dann doch die Strohhalme auseinander zu brechen drohten).

Kleiner Exkurs zum Thema Schrägband

Schrägband ist ja, wie ich schonmal geschrieben habe, dehnbar. Das ist seine wichtigste Eigenschaft, denn dadurch kann man damit sehr gut Rundungen einfassen. Schrägband annähen funktioniert grob gesagt so:

1. Ihr legt es rechts auf rechts und Kante auf Kante an das Nähstück, dass ihr einfassen wollt und näht es knapp neben der Faltung an.

2. Ihr schlagt es um, sodass es die Stoffkante links und rechts einfasst.

3. Nun könnt ihr es entweder unsichtbar von der linken Seite von Hand annähen oder ihr näht es mit der Maschine fest. In dem Fall empfehle ich, die rechte Stoffseite beim nähen nach oben zu legen, damit ihr eine schöne Naht hinbekommt (vielleicht könnt ihr das ja auch „blind“ von links, ich leider nicht).

Zuerst wird knapp neben der Faltung genäht.

Wenn ihr euer Schrägband um Rundungen legen wollt, ist es wichtig, es nicht zu dehnen sondern möglichst locker um die Rundung zu legen. So hat es später auch auf der breiteren Außenseite genug Spiel, um sich an die Form anzupassen. Mit diesem Bild kann man vielleicht besser verstehen, was ich meine:

Das Schrägband wurde an der Naht gedehnt, damit es später außen
um die Rundung passt.

Soll das Schrägband innen in einer Rundung liegen, müsst ihr es dagegen beim annähen etwas dehnen. Durch die Dehnung zieht es sich nach dem Umschlagen etwas zusammen und legt sich so gut um die Rundung. Das ist wichtig, damit es am Ende nicht unschön in eine Richtung absteht oder sich kräuselt. Gut, im Fall eines Strohhuts wäre wahrscheinlich keins davon passiert, denn der ist wesentlich stärker als so ein Schrägband aus Baumwolle. Aber bei Stoffen kann das Ergebnis schon unschön werden, wenn man das nicht weiß. Eine gute Anleitungen zum Schrägband annähen findet ihr hier.

Bloß nicht zuviel abschneiden, lieber nochmal… und nochmal…

Ich hatte also den Strohhut an der oberen Kante eingefasst und fing an, die Krempe zurecht zu schneiden. Dabei habe ich mich an dem eingeflochtenen Lochmuster orientiert, damit es nachher wie gewollt und nicht wie repariert aussieht. Die Enden des Schrägbands habe ich an beiden Seiten lang über stehen lassen und später beim feststeppen zusammen genäht, um sie zum zubinden benutzen zu können. Beim Zuschneiden der Krempe habe ich mich übrigens langsam herangetastet, weil es nach dem abschneiden ja kein zurück mehr gegeben hätte. Die erste Variante war mir viel zu breit, also habe ich sie nach hinten noch etwas schmaler zulaufen lassen (insgesamt habe ich dreimal etwas abgeschnitten, bis es mir gefiel).

Strohhut reparieren mit Schrägband
Hier ist die Krempe hinten noch ziemlich breit.

Was mir allerdings vorher überhaupt nicht aufgefallen war ist, dass der Hut mir zu groß war. Als es noch ein richtiger Hut war, also mit „Deckel“, war das auch gar kein Problem, weil er ja oben auf meinem Kopf sozusagen auflag. Nachdem aber der Deckel abgeschnitten war, musste er ja so eng um meinen Kopf liegen, dass er nicht mehr runterrutschen konnte. Leider war das nicht der Fall, auch nicht, als ich die Bänder hinten bis zum Anschlag zusammengebunden hatte. Davon abgesehen, dass ich darauf nicht gekommen wäre, hätte ich mich auch nicht getraut, den Hut einmal anzuprobieren, bevor das Schrägband fertig angenäht war. Ich habe es notgedrungen also teilweise wieder aufgetrennt und hinten auf beiden Seiten noch einmal etwas abgeschnitten.

Wie man auf dem Bild sieht, passt der Hut jetzt endlich und er gefällt mir auch echt gut. Am besten finde ich, dass man ihn auch mit Zopf tragen kann. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, ihn außerhalb des Gartens zu tragen, denn der Look hat schon etwas altmodisches. „Rosenzüchterin“ sagt der Mann dazu. Naja, Rosen haben wir im Garten immerhin zu Hauf, auch wenn ich mich um die nicht besonders gut kümmere. Der Hut hängt jetzt allzeit bereit an der Laubenwand und ich freue mich, dass ich einen Punkt mehr auf meiner „Geht nicht, gibt’s nicht“-Liste abgehakt habe.

Ob Rosenzüchterin oder nicht, mir gefällt er.

Wie steht es mit euch? Habt ihr schonmal Sachen genäht, von denen ihr nicht dachtet, dass sie funktionieren würden? Wenn ja, welche waren das und hat es am Ende doch geklappt? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.

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